Rezension zum Buch "Bollo auf U 4706" im MarineForum 11/2009

Die Tochter eines Angehörigen der Crew 10/41, der Falklandcrew - wagt es, die Logbuch - Aufzeichnungen ihres Vaters beginnend mit seiner Einstellung in die Kriegsmarine am 1.10.1942 zu veröffentlichen. Sie eröffnet den Zugriff und das Verständnis für die Gedankenwelt eines nicht durch Besonderheiten herausragenden Offiziers, diese Logbücher werden zum dokumentierten Spiegelbild einer ganzen Generation von Marineoffizieren im zweiten Weltkrieg.

Eine Vorbemerkung zum Verständnis: Es gehörte zu den Pflichten des Offiziers - Anwärters der Kriegsmarine, ein Logbuch - ein Tagebuch - meist im Wochenrythmus zu führen. Es enthält den Ablauf des Dienstes, besondere Ereignisse, auch Bemerkungen zur politischen Lage und sonstige Anmerkungen, die dem Schreiber wichtig erscheinen.

Lt. Ing. Heinrich Trull hat nicht nur pflichtgemäß während der Ausbildung Logbuch geführt, sondern dieses persönliche Tagebuch fortgeführt auch während seines Aufenthaltes in Norwegen mit U 4706 nach der Kapitulation bis zu seiner Rückkehr in die Heimat im Dezember 1945.

Dieses Buch - und das ist das herausragende, wohl beinahe Einmalige - eröffnet eine Reihe unterschiedlicher Dimensionen:

Hier liegen die authentischen Aussagen des Marineoffizier-Anwärters / Marineoffiziers unmittelbar aus dem eigenen Erleben zum Geschehen des Tages, der Woche des Ereignisses, unverfälscht durch die Filter professioneller und nicht immer unvoreingenommener Historiker, vor.

Man bedenke: die Betrachtung geschichtlicher Ereignisse erfolgt immer durch die Brille der Maßstäbe, die eine nachfolgende Zeit setzt. Jedes Ereignis erhält damit eine Färbung, die von den Denkinhalten der Ereigniszeit mehr oder minder abweichen muss. In diesem Buch aber liegen die originären Aussagen des Schreibers, seine Ansicht am Tage des Erlebens vor. Sie gewinnen damit einen unschätzbaren Wert für die Beurteilung der Gedankenwelt eines Angehörigen der Kriegsmarine im zweiten Weltkrieg in seinen verschiedenen Phasen.

Zum Zweiten lassen die Logbücher die Erinnerung aller Offizieranwärter der Kriegsmarine aufleben, die von der Flut eines über sechzigjährigen Weltgeschehens verschüttet wurden. Wo und wann je kommen wir in die Lage, ein originäres Spiegelbild unseres eigenen Erlebens 60 Jahre zurück zu sehen um die tiefen Gründe eigenen Erlebens neu zu beleben, sichtbar zu machen.

Zum Dritten wird mit den Logbüchern des Leutnant (Ing.) Heinrich Trull deutlich, mit welcher inneren Überzeugung er sich - und wir - von Aufgabe, Verpflichtung und Eid beseelt, den Krieg durchstanden. Mögen die Aufzeichnungen bis hin zum Fähnrich an der Marineschule in Mürwik noch beeinflusst sein von dem Bewusstsein, dass diese Aufzeichnungen der Kontrolle des Zugführers unterlagen und so einen Beitrag zur dokumentierten “Führung“ am Abschluss der Lehrgänge liefern konnten, die späteren Aufzeichnungen dagegen sind unverfälschtes Dokument der gedanklichen Positionen des jungen Trull.

Bezeichnend, wie er noch im April / Mai l945 bedauert, dass er, aus welchen Gründen immer, nicht zum Einsatz gegen den Feind kommen konnte. Diese Geisteshaltung - für heutige Betrachter absolut nicht verstehbar - und selbst für uns als damals direkt Beteiligten unverständlich gewordene eigene Position - ist ein gewichtiger Beitrag zur Aufarbeitung unserer eigenen Vergangenheit.

Und zum Vierten finden wir in diesen Logbüchern nicht die Darstellung besonderer Ereignisse, von Heldentaten, sondern einfach ein Abbild des Tagesablaufes in der Offiziersausbildung während des zweiten Weltkrieges.

Zum Fünften aber gewinnen wir Einblicke in eine zweite völlig andere Gedankenwelt des Leutnant Trull, wenn wir lesen, mit welch tiefen Empfindungen er immer wieder Sonnenaufgang und - Untergang und das Naturerlebnis des Waldes als eine Kompen-sation zum harten Kriegsalltag erlebt und niederschreibt.

Und dann ist da noch eine völlig andere Dimension in diesem Buch enthalten, das Verhältnis einer Tochter zu ihrem Vater. Mir sind bisher so eindrucksvolle Worte zu diesem Verhältnis nicht ins Bewusstsein gekommen. Hochachtung für einen Menschen , der diese - einer der intimsten Beziehungen zwischen zwei Menschen - so überzeugend darzustellen vermag. Das ist nicht Roman, sondern Leben - mein Leben, dein Leben.

Am Rande sei vermerkt: Wie viele von uns sind noch glückliche Besitzer der Logbücher aus unserer damaligen Zeit. Als Offiziers - Anwärter. Aber wer wohl hat bisher gewagt, seine damals bewegenden Gedanken und Triebfedern der Öffentlichkeit anzubieten und sich damit der Kritik heutiger Betrachter und Beurteiler zu unterziehen. Seine Tochter hat diesen Schritt gewagt.

Hochachtung und Glückwunsch.                                                August 2009
Hans Wilcke, Freg.-Kpt.a.D.
Crew 10/42 - 4/43
 

über:

Inge Ursula Trull (Hrsg.)
Bollo auf U 4706 Logbuch des Lt.-(Ing.) Heinrich Trull l941 - 1945
LITHaus Edition, Berlin 233 Seiten, zahlreiche Fotos 1941 - 1945
VK 14.80 €
ISBN - 13:978-3-939305-35-4

 
                         
 




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